Sekundarschule Lindenhof: Von Zufall zu Struktur
Diese Fallstudie beschreibt, wie die Sekundarschule Lindenhof — eine fiktive Schule, deren Verlauf auf beobachteten Praxismustern basiert — in 18 Monaten eine tragfähige KI-Governance aufgebaut und eine verbindliche Schul-Policy eingeführt hat. Ausgangspunkt war kein Top-Down-Mandat, sondern ein wachsender Wildwuchs an KI-Einzelinitiativen ohne gemeinsamen Rahmen.
Ausgangslage
Die Sekundarschule Lindenhof ist eine Sek-I-Schule in einem mittelgrossen Deutschschweizer Kanton mit 24 Klassen, rund 450 Lernenden und 32 Lehrpersonen. Seit 2022 verfügen alle Lernenden über ein 1:1-Gerät (Schul-Notebooks). Im Frühjahr 2025 wurde der Schulleitung klar: Mindestens acht Lehrpersonen nutzten KI-Tools im Unterricht — mit völlig unterschiedlichen Regeln, manche ohne jegliche Offenlegung gegenüber den Lernenden. Gleichzeitig verweigerten drei Lehrpersonen jeden KI-Einsatz kategorisch. Eine gemeinsame Linie fehlte.
Drei Workshops mit der Lehrerschaft
Workshop 1: Bestandsaufnahme und Haltungen (Mai 2025)
Der erste halbtägige Workshop brachte alle 32 Lehrpersonen zusammen. Ziel war nicht die Erarbeitung von Regeln, sondern die ehrliche Bestandsaufnahme: Wer nutzt was? Mit welcher Absicht? Mit welchen Vorbehalten? Ein anonymes Online-Tool erfasste vorab die Ist-Situation: 26 Lehrpersonen hatten bereits KI im Unterricht eingesetzt, davon aber nur 9 mit expliziten Regeln für die Lernenden.
Die Diskussion zeigte drei dominante Haltungscluster: Enthusiasmus (KI als Bereicherung), Skepsis (Prüfungsintegrität und Datenschutz als Hauptsorge) und Pragmatismus (werkzeugagnostisch, orientiert an Lernzielen). Alle drei Haltungen wurden als legitim anerkannt — die Policy musste einen Rahmen schaffen, der alle drei respektiert.
Workshop 2: Policy-Entwurf (September 2025)
Auf der Basis des ersten Workshops erarbeitete eine fünfköpfige Kerngruppe (zwei Lehrpersonen aus jedem Haltungscluster plus Schulleitung) einen ersten Policy-Entwurf. Dieser wurde im zweiten Workshop mit der Gesamtlehrerschaft in drei Arbeitsgruppen diskutiert: Prüfungsregeln, Datenschutz, Unterrichtsgestaltung.
Die grösste Kontroverse betraf die Offenlegungspflicht: Sollten Lernende deklarieren müssen, wenn sie KI genutzt haben? Nach einer Stunde Debatte einigte sich die Gruppe auf eine pragmatische Lösung: Offenlegung ist verpflichtend bei bewerteten Leistungen, freiwillig beim Lernen. Das war ein Kompromiss — aber einer, den alle mittragen konnten.
Workshop 3: Finalisierung und Verabschiedung (November 2025)
Der dritte Workshop dauerte nur zwei Stunden. Die überarbeitete Policy wurde im Plenum gelesen, drei redaktionelle Korrekturen eingearbeitet und dann formal von der Schulleitung verabschiedet. Gleichzeitig wurde eine KI-Sprechstunde für Lehrpersonen eingeführt: Jeden zweiten Mittwochnachmittag steht eine KI-affine Lehrperson für Fragen und Tool-Demonstrationen zur Verfügung.
Policy-Verabschiedung
Die verabschiedete Policy umfasst vier Seiten und regelt: erlaubte und verbotene KI-Tools nach Stufe, Offenlegungspflichten, Prüfungsregeln (KI grundsätzlich nicht erlaubt, ausser explizit angekündigt), Datenschutzanforderungen (keine personenbezogenen Schuldaten in kostenlosen Consumer-Diensten) und Überprüfungsrhythmus (jährlich, erste Revision im Herbst 2026).
Der Richtlinien-Generator von ki-didaktik.ch war Grundlage für den ersten Entwurf und sparte der Kerngruppe rund drei Stunden Formulierungsarbeit. Die endgültige Version wurde auf das spezifische Profil der Schule angepasst.
Erste 6 Monate
Sechs Monate nach Inkrafttreten der Policy (April–September 2026) zeigen sich erste Wirkungen: Die Zahl der Lehrpersonen, die KI mit expliziten Regeln einsetzen, ist von 9 auf 24 gestiegen. Die KI-Sprechstunde wird im Durchschnitt von vier Lehrpersonen pro Termin genutzt. Zwei Datenschutz-Incidents wurden gemeldet und geklärt (Nutzung eines nicht freigegebenen Tools), ohne dass disziplinarische Konsequenzen nötig waren — das Meldesystem funktioniert.
Offen bleibt: Wie geht die Schule mit multimodalen KI-Tools (Bildanalyse, Voice) um? Der Readiness-Check zeigt, dass hier die grösste Wissenslücke im Team liegt. Dies wird Thema des nächsten Workshops im Herbst 2026 sein.