Blog · April 2026

Deep Research als Lernaufgabe

Lesezeit 8 Minuten

Seit Ende 2024 liefern ChatGPT, Gemini und Perplexity einen neuen Aufgabentyp: Deep Research – ein 10- bis 30-minütiger autonomer Rechercheauftrag, der dutzende Quellen durchsucht, synthetisiert und in einem strukturierten Bericht ausgibt. Damit verschiebt sich, was „Recherchieren" im Unterricht heißt. Wer darauf nicht reagiert, verliert den didaktischen Zweck vieler klassischer Recherchenaufgaben. Wer reagiert, gewinnt einen mächtigen Lernanlass.

Kernaussage. Deep Research ist nicht Gegner, sondern Gegenstand des Unterrichts. Statt gegen den Bericht zu arbeiten, machen wir ihn zum Material: Bewertet, kommentiert, widerlegt, ergänzt den Bericht – das ist die neue Rechercheaufgabe.
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Was Deep Research kann – und wo die Unterschiede liegen

ChatGPT Deep Research

Seit Februar 2025 verfügbar (Pro-Tier, o3-Modell). Analysiert Text, PDFs und Bilder; passt den Pfad adaptiv an Zwischenergebnisse an. Läuft bis zu ~30 Minuten und liefert einen ausformulierten Bericht mit Quellenangaben.

Gemini Deep Research

Seit Dezember 2024 verfügbar (Gemini Advanced). Erstellt zuerst einen expliziten Rechercheplan, den die Nutzenden prüfen und anpassen können – erst dann läuft die Recherche. Vorteil bei Google-Workspace-Anbindung (Export in Docs).

Perplexity (Pro / Deep)

Fokussiert auf Zitation: jede Aussage ist mit Quelle verlinkt. Weniger tief als die beiden Großen, aber transparenter in der Nachvollziehbarkeit und für formatives Arbeiten praktisch.

Quellenvergleich: Section AI und Aryabh Consulting (beide 2025, Unternehmensperspektive).

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Die didaktische Verschiebung

Klassische Recherche-Aufgaben beruhten auf der Annahme, dass die Sammelleistung selbst Lernwert hat. Unter Deep Research ist das fraglich geworden.

Was an Wert verliert

  • „Recherchiere 5 Quellen zu Thema X und fasse sie zusammen."
  • „Erstelle eine 2-seitige Übersicht über …"
  • „Nenne drei Pro- und drei Kontra-Argumente zu …"

Solche Aufträge liefert Deep Research in drei Minuten. Der Generativitätsgrad ist zu niedrig.

Was an Wert gewinnt

  • Quellenkritik an einem vorliegenden Bericht.
  • Widerlegung oder Bestätigung einzelner Behauptungen.
  • Synthese zweier widersprüchlicher Deep-Research-Berichte.
  • Eigene Fragestellung entwickeln, die Deep Research gerade noch nicht gut beantworten kann.
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Drei Aufgabenformate, die mit Deep Research funktionieren

Format A: „Bericht prüfen"
Lehrperson liefert einen Deep-Research-Bericht (zu einem abgeschlossenen oder strittigen Thema). Lernende prüfen alle Quellen auf Verfügbarkeit, Vertrauenswürdigkeit und Passung zur Aussage im Bericht. Ergebnis: Prüfprotokoll mit Belegen. Zeitaufwand: 90 Minuten. Fördert Quellenkritik und Verifikation.
Format B: „Gegenbericht"
Lernende formulieren eine präzise, kontrovers gestellte Frage, lassen Deep Research antworten – und recherchieren dann manuell nach Argumenten, Daten oder Quellen, die im Bericht fehlen. Ergebnis: strukturierter Gegenbericht inkl. Kommentar, warum Deep Research die Lücke hatte. Zeitaufwand: 3–4 Lektionen. Fördert forschendes Denken und metakognitive Reflexion.
Format C: „Meine Frage, die KI (noch) nicht beantworten kann"
Lernende formulieren eine Fragestellung, die Deep Research nicht zuverlässig beantwortet (lokaler Kontext, sehr aktuelle Entwicklung, primäre Quelle nicht im Web). Sie dokumentieren, wie sie das Ergebnis der KI erkannt und identifiziert haben, und entwickeln ihre eigene Antwort. Ergebnis: Portfolio-Eintrag. Zeitaufwand: individuell. Fördert Domänenverständnis und KI-Kritik.
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Struktur-Prompt für Deep-Research-Aufträge

Lernende lernen besser, wenn sie Deep Research nicht frei bedienen, sondern ein Scaffold ausfüllen.

Thema / Fragestellung <eine präzise, beantwortbare Frage – keine Aufforderung> Gewünschte Perspektiven 1. … 2. … 3. … Qualitätskriterien für Quellen - primär wissenschaftlich / institutionell bevorzugt - nur nach 2022 / explizit älter wenn Klassiker - mindestens … Länder / Sprachen abdecken Format der Ausgabe - Länge: … Wörter - Struktur: (1) Kurzantwort (2) Argumente (3) Gegenpositionen (4) offene Fragen Was ich selbst tun werde - jede Quelle prüfe ich persönlich auf Verfügbarkeit - ich formuliere die Kurzantwort am Ende selbst neu

Dieses Gerüst steht im Prompt-Baukasten als Vorlage zur Verfügung.

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Bewertung: was zählt, was nicht

Faustregel. Bewertet wird, was die Schülerin mit dem Bericht getan hat – nicht, dass sie einen Bericht erzeugt hat. Die zu bewertenden Kompetenzen: Fragestellung, Quellenkritik, Synthese und Reflexion.

Damit das tragfähig ist, braucht die Schule ein Transparenz-Protokoll: Welche Prompts wurden verwendet, welche Zwischenstände gab es, was hat die Schülerin selbst verändert? Ohne Protokoll sinkt der Informationswert der Bewertung auf Null.

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Grenzen und Risiken

Quellen

Belege

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